AusbildungsseitenYachtingseitenCharterflotteAusbildungsvideoAktuellesStartseite

Raue Schönheit – Englische Kanalinseln & französische Küste

Reisebericht von einer sehr schönen aber auch navigatorisch sehr anspruchsvollen Reise entlang der Normandie bis in die Bretagne und zu den englischen Kanalinseln Jersey und Guernsey.

In Dieppe, einem tidenabhängigen Hafen in der Normandie, haben wir die „Heike“, eine ETAP 39, in sauberem Zustand und mit einer perfekten Ausrüstung (gut arbeitender Steuerautomat, gutes Radargerät, tadelloses GPS-Gerät (leider ohne Detailchip), sämtliche notwendigen britische Sportboot-Seekarten) übernommen. Wir, das sind Rolf, Volker und ich, Walther als Skipper. Wir Drei hatten also jeden gewünschten Platz an Bord. Jürgen von der Yachtschule Fehmarn hat uns das Boot selbst übergeben und machte sich dann mit meinem Auto auf den langen Weg zurück nach Pansdorf. Nachdem der Provianteinkauf erledigt war, haben wir uns gemeinsam die obligatorische Schiffseinweisung erarbeitet. Mir den letzten Gästen der Vorwochen, Wilhelm und Franz-Josef, konnten wir noch zu Abend essen und uns einige Tipps zum Boot holen.

Am nächsten Morgen ging es dann endlich los Richtung Süden. Nachdem der Wasserstand unserem Tiefgang entsprechend (er wird durch eine elektronische Anzeige am „sill“ angezeigt) erreicht war sind wir gestartet. Unser Ziel war Le Havre. Leider blieb der erhoffte Westwind ab Nachmittag aus, sodass wir ein gehöriges Stück entlang der Normandieküste unter Motor laufen mussten, was aber wiederum den Vorteil bot, dass wir dicht unter Land entlang der rosa leuchtenden Sandsteinfelsen fahren konnten und einen ersten Eindruck von der sehr schönen Küste bekamen. Nördlich von Le Havre mussten wir ein großes Fahrwasser, welches zu dem außenliegenden Ölterminal führt, regelgerecht kreuzen. Der Hafen war in der großen Seine-Mündung leicht und problemlos zu finden. Le Havre ist durch die große Zerstörung im 2. Weltkrieg sehr geprägt. Hässliche Betonbauten (à la Plattenbau) lassen die Stadt zunächst unschön erscheinen. Die Altstadtzeile hat recht viel Charme.

Von der Seinemündung aus ging es weiter entlang der Küstenformation der Normandie, an der die Alliierten am „D-Day“ gelandet waren, zu unserem nächsten Zielhafen, Cherbourg. Bezeichnend ist, dass auf diesem langen Küstenstreifen nicht ein Ort in Strandnähe zu sehen ist. Dafür sind Geschützstellungen und Bunker aus dem 2. Weltkrieg allgegenwärtig.

Die Anfahrt auf Cherbourg gestaltete sich wegen der unglaublichen Tidenströmung am Kap Barfleur sehr zeitraubend, sodass wir erst  morgens um 5.00 Uhr in dem tidenfreien Hafen ankamen. Die Feierlichkeiten eines Nationalfeiertages in Frankreich haben wir in der interessanten und schönen Stadt erleben können, bevor wir uns tags darauf auf den Weg nach Jersey gemacht haben.

Nach intensivem Studium von Tidenkalendern und Stromatlanten (alles in dem guten „Mc.Reeds“ zu finden) war klar wir müssen sehr früh raus um den Strom am Cup de la Hague auf dem Weg nach Jersey richtig zu erwischen. Und wir hatten richtig gerechnet! Bei 4-5 Bft. aus SW, später aus W, machten wir stolze 7 kn FdW. Über Grund sind wir mit ca. 14 kn nur so um das Cup geflogen! Vorbei an Alderney sind wir auf Südkurs entlang der Küste in die „Passage de la Déroute“ gesegelt und schon bald kam die Silhouette von Jersey in Sicht. Vor dem „Gorey Castle“ schlief der Wind ein und wir sind die letzten Meilen durch das Felsenlabyrinth an der Südküste bis zur Hafeneinfahrt von St. Hellier unter Motor gelaufen.

In einem tidenunabhängigen Hafenbecken fanden wir einen prima Liegeplatz in unmittelbarer Altstadtnähe. Die Blumenpracht dieser ersten britischen Kanalinsel hat uns sehr beeindruckt. Der für Festlandeuropäer ungewöhnliche Linksverkehr ist sehr gewöhnungsbedürftig. Freundlich angebrachte „Look right“- Hinweise an der ersten Fußgängerampel  in Hafennähe machten jedem klar, dass man in GB war. Unsere Gastlandflagge  von Jersey anstelle der sonst üblichen GB-Flagge fand allgemeine Anerkennung.

Am folgenden Tag haben wir die Insel mit einem Tagesticket für 6 Pound  per Buslinien erkundet und alle sehenswerten Orte der Insel besucht. Besonders beeindruckend war der Besuch von „Elizabeth Castle“, einer Festungsanlage die bei Niedrigwasser zu Fuß und bei höherem Wasserstand  per Amphi-Car zu erreichen ist. Das mittägliche Abfeuern einer alten Kanone auf dem Castle war das Highlight des Besuches.

Freitags sind wir dann Richtung St. Malo in der Bretagne aufgebrochen. Die Wettervorhersage mit 3-4 aus West stimmte zwar wieder nicht, stattdessen hatten wir im Tagesverlauf 7-8 Bft aus NW und jede Menge Regen. Der Landfall gestaltete sich trotz sehr starker Cross-Böen dennoch relativ unproblematisch, weil helfende Hände der anderen Hafenlieger, die die Leinen annahmen und rechtzeitige Hinweise auf einen freien Liegeplatz gaben, das Suchen in den engen Boxengassen überflüssig machten.

St. Malo ( im Reiseführer liebevoll „das Piratennest“ genannt) übertraf alle Vorstellungen von dieser immer wieder gelobten Stadt an der „Cote d’Émeraude“. Die Altstadt, sie macht von außen betrachtet keinen besonderen Eindruck, war der Hit, vergleichbar mit Rotenburg o.d.T.. Am Folgetag haben wir zwei weitere Mitsegler, Arne und Christian, an Bord bekommen.  Die für Sonntag vom DWD ausgegebene Sturmwarnung, deretwegen wir einen Tag länger in St. Malo geblieben sind, erwies sich als absolute Fehleinschätzung der Wetterabläufe. Wir haben einen ganzen Tag deswegen in St. Malo vertrödelt.

Unser nächstes Reiseziel war St. Peter Port auf Guernsey. Die Überfahrt war bei schönem Segelwind unproblematisch und wir erreichten den engen, im Zentrum gelegenen Stadthafen zur rechten Zeit bei günstigem Wasserstand. Guernsey ist im Vergleich zu Jersey noch farbenprächtiger vom Blumenschmuck und  wesentlich interessanter von der Küstenformation her. Wir haben uns zur Erkundung der Insel ein Busticket für 60 Pence !!! gegönnt und alle Sehenswürdigkeiten entlang der sehr zerklüfteten und felsigen Küste angesehen. Auch auf Gernsey fielen die vielen „Woldwar-Memorial“  unübersehbar auf. Die Besetzung der franz. Küste und der britischen Kanalinseln hat unauslöschliche Spuren hinterlassen.

Nach unserem Aufenthalt auf Guernsey sind wir dann im Sonnenaufgang um 5.30 Uhr Richtung Dieppe aufgebrochen. Zur unserem Erstaunen hatten auch andere Crews genau gerechnet und so sind wir in einer Flotte von ca. 15 Booten  Richtung „Cup de la Hague“ , nordwestlich von Cherbourg, durch die Nordpassage zwischen den Inseln Herm und Guernsey losgefahren. Zur richtigen Zeit am Cup angekommen sind mit einem Strom von 12 Knoten und 8 Knoten FdW nur so um den großen Leuchtturm gerast. Es hat riesig Spaß gemacht! Bis zum Sonnenuntergang konnten wir perfekt unter Vollzeug segeln. Später flaute es immer weiter ab, sodass wir den Rest der Strecke unter Motor laufen mussten. Um 6.00 Uhr haben wir im ersten Büchsenlicht im Hafen von Dieppe festgemacht.

Auf der Schlussetappe von Dieppe nach Boulogne – sur - Mer mussten wir uns dann noch einmal beweisen. Die vom Wetterdienst vorhergesagten 4-5 Bft aus West stimmten wieder nicht. Mit Böen bis 34 Knoten aus SW waren die letzten Meilen unseres sehr schönen Törns noch sehr anstrengend. Wir sind wohlbehalten und ohne großartigen Bruch zu machen in Boulogne angekommen.

Fazit für alle, die diese Reise verpasst haben:

Der „englische Kanal“ entlang der französischen Küste der Normandie und der Bretagne, sowie die englischen Kanalinseln sind eine Reise wert. Vom Seglerischen bekommt man alles geboten. Das Segeln in einem der heftigsten Gezeitengewässer (Tiedenhübe im Hafen bis 12m !!) der Erde setzt eine sehr genau Navigation und Berechnung der Stromverhältnisse voraus. Uns hat die Reise sehr viel gegeben und sehr viel Spaß gemacht!